Bulawayo
Zimbabwe August 03

Stefan Schilli


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Ein Land vor dem Abgrund.
Nun geht es endlich los. Mit dem Bus fahren wir von Jo’burg nach Bulawayo in Zimbabwe. Wir fahren dorthin um Ringo zu besuchen. Sonst gibt es naemlich nicht viele andere Gruende um dieses Land zu besuchen, wenigstens dachte ich das, beeinflusst durch die europaeischen Medien. Robert Mugabe, der Patron dieses Landes, macht so ziemlich was er will und das stimmt auch, es wird dir taeglich in den Strassen bestaetigt. Er aendert die Verfassung ab, dass er laenger an der Macht bleiben kann, gibt sich selber eine Inflationsanpassung von 600% auf sein Gehalt usw.
Also Ringo, eine junge Zimbabwerin, versucht einen Velo Kurier in Bulawayo aufzuziehen. Der Ertrag wird dann fuer ein Kindercamp verwendet, welches die oertliche Heilsarmee betreibt. Das Kindercamp heisst „Masiye Camp“ und soll Kindern helfen, welche ihre Eltern durch AIDS verloren haben. AIDS ist in Zimbabwe und im suedlichen Afrika ein riesiges Problem, welches tiefe Wunden in das soziale Gefuege dieser Gesellschaften reisst (Zimbabwe hat eine HIV-Rate von ca. 40%). Das Masiye Camp ist eigentlich wie ein Pfadilager. Es liegt im wunderbar fremdartig anmutenden Matopos Nationalpark, mit seinen zahlosen Huegeln, welche aus aufeinandergestapelten Gesteinsbrocken bestehen. Waehrend einer Woche koennen die Kids dort herumtoben und Aufgaben loesen, welche ihnen ihr Selbstwertgefuehl und ihr Vertrauen in sich und andere staerken. Und hey folks, das sind nicht einfach so bubbi Aufgaben, das sind richtige Dinger, so zB eine 4m hohe Hinderniswand, welche sie zusammen ueberwinden muessen, oder eine Haengebruecke ueberqueren und so weiter... ich hatte jedenfalls glasige Augen und wollte eigentlich nur noch klein sein um dort mitmachen zu koennen!!! Das Camp hat maechtig Eindruck gemacht und es ist ein Beispiel fuer gute und sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit.

Die Sache mit dem Geld...
Wie schon erwaehnt, ist es in Bulawayo und somit auch im restlichen Zimbabwe nicht gerade einfach an Geld zu kommen. Vor den Banken, vielleicht 20 an der Zahl, bilden sich jeweils lange Menschenschlangen welche eigentlich nicht kuerzer werden. Geld kriegen die Leute kaum, auch wenn sie es eigentlich haetten. Ein gluecklicher bekommt etwas von seinem Geld. Das ist aber in der Regel so wenig, das man es fuer nichts richtiges ausgeben kann, ausser vielleicht fuer ein Bier was den Vorteil bietet, dass das ganze Debakel nicht mehr so hart zu ertragen ist. Wir wollten aber nicht nur Bier drinken und so brauchten wir mehr Geld. Und nun kommt uns die afrikanische Faehigkeit zu gute, mit irgendetwas einen Handel zu betreiben. Es gibt naemlich auf den Strassen bestimmte Frauen, welche an ihrem weissen Kopftuch zu erkennen sind. Man nennt sie „Moving Banks“. Geld bekommt man von ihnen soviel man will, solange man in US Dollar bezahlen kann. Aber wer kann das schon? Wir koennens! Und wer Geld hat in Zimbabwe oder irgendwo, der kann sich alles kaufen. Brot und Wein und alles andere auch. Und waehrend auf dem Land die Leute hungern, schlendern die anderen durch das mehrstoeckige Einkaufszentrum in der Stadt und fragen sich, was sie sich zum (ueber)leben noch kaufen muessen.

Joseph und die Elefanten
Bulawayo liegt wie ganz Zimbabwe (oder ganz Afrika?) in einem Dornroeschenschlaf. Da die Leute kein Benzin kaufen koennen, sind die Strassen fuer afrikanische Verhaeltnisse relativ ruhig und gemaechlich. Auch die typischen Maerkte oder „Verkaufe-Drei-Bananen“ People sind nicht so haeufig anzutreffen. Es ist daher einfach nicht so betriebsam und die ganze Geschichte wirkt doch ziemlich relaxed. Man spuehrt dass die meisten Leute nichts wichtiges zu tun haben und nur die Zeit totschlagen. Wir fahren also in Richtung Victoria Falls, welches cirka 450km entfernt ist. Die Landschaft ist nicht sonderlich interessant, vornehmlich trockene Buschsavanne welche langsam in einen trockene Mopane-Wald uebergeht. Es ist flach, und auf der guten Teerstrasse fahren wir locker (wobei das eher fuer Aendu gilt) 80-100km pro Tag. Tiere sehen wir leider nicht viele, ausgenommen von ein paar Kudus, Warzenschweinen und einem ganz kaputten Chamaeleon, ganz kaputt deshalb, weil das Teil einfach seine Farbe nicht wechseln will, obschon ich ihm mit meinem bunten Kleidern und Taschen oft die Gelegenheit dazu gebe.
Keine Tiere – bis auf jenen Abend wo wir beschliessen draussen im Busch zu pennen. Wir haben schon von Leuten gehoert, dass es im Busch wilde Tiere gibt, aber so wirklich geglaubt habe ich es zumindest nicht, jedenfalls nicht so nah an der Strasse. Wir sind also gerade am schluerfen einer guten Suppe (Minestrone oder so) und in einem weiteren Topf wartet schon ein Cuscus mit Rosienen auf uns, als Aendu ploetzlich nichts mehr sagt. Nicht dass er die ganze Zeit am plapern gewesen waere, aber nun war es still. „Hast Du eben nichts gehoert?“, unterbricht er die Stille, und ich immer noch ziemlich maltraetiert von den 100 km denke eigentlich nur an das Cuscus und meine Suppe, so dass ich verneinen muss. Drei Sekunden spaeter aber ist der Wald von einem Geraeusch erfuellt, welches meine Gedanken gewaltsam zurueckholt und mir den Puls in den Kopf treibt. Mit einem gewaltigen Trompeten (sopran) meldet sich ein Elefant an. Und kurz darauf faellt er mit seiner urzeitlichen Kraft einen Baum und das Geraeusch der zerberstenden Fasern hallt durch meinen Koerper und ich stelle mir ploetzlich vor, wie einfach er das auch mit meinen Knochen machen koennte. Suppe und Cuscus sind schnell vergessen. Wir schauen uns an und beide denken vermutlich das gleiche. Schnell haben wir zusammengepackt und befinden uns nun schon auf dem Velo zurueck zum naechsten Haus.
Es ist das Haus eines weissen Farmers, oder besser war es. Denn in dieser Gegend wurden alle Farmer vertrieben. Nun schaut Joseph, ein Afrikaner, zum Grundstueck. „I’m looking after this place for my boss!“ Er erzaehlt uns, dass hier die alten Veteranen zusammen mit einigen jungen Troublemakern alle weissen Farmer vertrieben haben. „They steal and destroy everthing“ meint er und findet es nicht gut und wenn diese Leute kommen und versuchen etwas zu stehlen geht er schnurstracks zur Polizei. Ende des Monats im Schutze der Dunkelheit komme sein Boss um ihm seinen Lohn zu zahlen und etwas zum Essen zu bringen. Das Leben ist hart, aber Joseph versucht die Farm im Schuss zu halten. Die Veteranen haben die Stromleitungen gekappt und nun kann er die Wasserpumpen nicht mehr betreiben. Der riesige, noch gruene Gemuesegarten ist nun langsam am verwelken, wie Zimbabwe. Jeden Morgen geht Joseph herum und schaut ob noch alles da sei, waehrend die Wasserpumpen vor sich hin rosten.
Am naechsten Morgen geht Joseph mit mir in den Wald um mir die Elefanten zu zeigen. Von einem Wald kann man stellenweise nicht mehr sprechen, es sieht aus, als haette hier eine Schlacht stattgefunden. Baeume liegen herum und alles ist voller Elefantenhaeufchen. Ploetzlich tiefes Grollen... Durch die Baeume hindurch kann ich die Elefanten ausmachen, vielleicht 50m entfernt. Es sind etwa fuenf an der Zahl und sie lassen sich durch uns ueberhaupt nicht stoeren. Es ist gut zu wissen, wie friedlich die Viecher eigentlich sind und ich fuehle meine Knochen schon fast nicht mehr.

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19. August 2003 - og