Gedanken ueber ein Abendessen in Kampala

Andreas Kunz


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In den zwei Wochen waehrend ich in Kampala auf Ersatzteile aus der Schweiz warte, waechst mir die Stadt ans Herz. Kampala hat einen einzigartigen, chaotischen Charme, die Stadt ist sauber, sicher und abgesehen von Zentrum sehr gruen. Die Bewohner der Stadt sind freundlich und offen. Ich fuehle mich in Kampala sehr wohl. Zischtig macht sich nach einigen Tagen alleine auf die Raeder um zum Mt. Kenya zu fahren. Wir verabreden uns auf Neujahr in Nordkenya. Ich bleibe also alleine in Kampala, viel Zeit um das Geschehen in den Strassen und Gassen und das Treiben der Bewohner zu beobachten und auf mich wirken zu lassen. Ich moechte mich nicht laenger mit Beschreibungen der Stadt aufhalten, sondern eine konkrete Begebenheit schildern. Also:

Aus einem hungerigen Beduerfnis heraus mache ich mich eines fruehen Abends auf ins Stadtzentrum. Mein Logie liegt ein bischen ausserhalb, ich zwaenge mich daher in das naechste, bereits zum bersten vollbesetzte “Matatu” (Bustaxi). Ich mache mich auf die Suche nach einem netten Gartenlokal, welches ich ein paar Tage zuvor, im Vorbeifahren aus eben einem solchen Taxi, ausgemacht habe. Nachdem ich suchend durch ein paar Strassen geirrt bin, stehe ich mit einem Mal vor dem gesuchten Lokal. Vieleicht hat mir der Hunger zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig die klare Wahrnehmung vernebelt; ich merke auf jeden Fall nicht, dass es sich beim vermeintlichen Lokal nicht um ein nettes Restaurant mit Gartenterrasse, sondern um eine Moschee handelt. Ich platze also mitten in die betenden Glaeubigen herein und kann die peinliche Situation nur halbwegs durch einen schnellen Abgang retten. Einmal draussen, betrachte ich das Gebaeude nochmals genauer und stelle fest, dass ich mich, von der mit Tischen und Stuehlen besetzten Terrasse, in die Irre habe leiten lassen. Auf der besagten Terrasse wird Tee leider nur an Glaeubige ausgeschenkt, so dass ich als “Unglaeubiger” hungerig ein anderes Lokal suchen muss.
Nachdem ich, dieses mal ein bischen laenger, in den Gassen des Nakasero-Markets umhergeirrt bin, finde ich ein kleines Lokal. Zu meinem Erstaunen gibt es trotz Take- Away Atmosphaere ein leckeres, sehr preiswertes Abendessen. Um das Essen und den Abend mit einem kroenenden Dessert zu beschliessen, mache ich mich ein weiteres mal auf und schreite zielstrebig zu einer mir bereits bekannten Eisverkaeuferin. Heftiges und lautes Autogehupe lenken meine Schritte zu einer T - Kreuzung. Auf der Kreuzung stehen Auto an Auto, Taxi an Taxi. Die Fahrzeuge stehen dabei so dicht gedraengt, dass es sogar einem aeusserst schlanken Menschen unmoeglich waere, sich zwischen den Fahrzeugen durchzuzwaengen. Folglich laesst sich natuerlich auch keine Autotuere mehr oeffnen. In dieser beklemmenden, aber durchaus alltaeglichen Situation verlangt der afrikanische Automobilist das aeusserste von seiner Hupe. 200 Autos, alle hupen... Die verschiedenen Hupvarianten machen lautstark auf die verfahrenen Situationen der Autolenker aufmerksam, hilft ihnen bei der Loesung des Problems aber wenig.

In diesem Augenblick offenbart sich wie ueberaus solidarisch Afrikaner agieren koennen. Am Geschehen voellig unbeteiligte Passanten, wahrscheinlich verfuegen diese (wie die meisten Automobilisten) ueber keine Autolenklizenz, dringen mit akrobatischen Klettereinlagen zum Herz dieses verkehrstechnisch gortischen Knotens vor. Unter Lebensgefahr versuchen sie Ordnung in das verkeilte Autochaos zu bringen. Nun zeigt sich wiederum die andere Seite des afrikanischen Wesens: Missgunst und Ruecksichts-losigkeit. Hat naemlich ein Verkehrsschlichter ein kleinwenig Platz fuer ein Taxi geschaffen, fuehlen sich alle anderen Taxis benachteiligt, was sie deutlich mit einer Steigerung des allgemeinen Hupkonzerts zum Ausdruck bringen. Sie lassen die Motoren aufheulen und schliessen die Luecken wieder - „wer will denn schon dem anderen den Vortritt lassen?“ Wollte sie am Anfang zur Loesung des Problems beitragen, macht nun dieselbe afrikanische Seele, im gleichen Atemzug, wieder alles zunichte. Nun hilft auch beste Diplomatie und groesste Solidaritaet nicht weiter – die Situation ist verfahren.

Zum Glueck wurde bis zu diesem Augenblick die Polizei auf den kleinen Mangel in der staedtischen Verkehrsfuehrung aufmerksam. Verstaendlich dauerte es seine Zeit, denn Polizisten koennen ja ihr Kartenspiel nicht wegen jedem Verkehrsstau unterbrechen. Da kaeme ja keiner zum Ausgeben und das Spiel nur stockend, um nicht zu sagen stauend voran. Den Ernst der Lage erkennend, ruecken die Ordnungshueter (es tauchen deren zwei auf) ihre Maschinenpistolen zurecht und beginnen mit der Arbeit. Mittels unsanfter Schlaege auf die Karrosserie oder auch mal mit einem Tritt in den Heckfluegel schaffen sie die noetigen Zentimeter Freiraum, um in der Mitte der Kreuzung eine freie Gasse zu bilden. Sofort ergiesst sich von einer Seite her ein Blechlawine in den Freiraum und die Arbeit beginnt von vorne.

Zu diesem Zeitpunkt verlasse ich den Schauplatz des Geschehens um mir endlich mein langersehntes Dessert zu goennen. Ich entscheide mich von 14 Eissorten fuer Vanillie und Schockolade. Die anderen Eissorten sind leider ausverkauft, wie mir die Eis-verkaeuferin laechelnd mitteilt. Morgen, so versichert sie mir wie tags zuvor, sei aber wieder die ganze Ausahl von 14 Eissorten erhaeltlich. Gluecklich darueber, dass ich in kein Taxi gestiegen und nun im Stau stehe, geniesse ich mein Eis. Die kleinen Freuden versuessen das Leben!

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19. Februar 2004 - og