Grenzerfahrungen
(Lake Turkana - Chalbi Dessert, Kenya Januar 2004)

Stefan Schilli


home > berichte > 19. 02. 2004 - 3
 

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Das Land flacht ab, wir velieren an Hoehe und die Hitze nimmt zu. Uns eroeffnen sich weite sandige Ebenen mit Dornenstraeuchern und vereinzelten Schirmakazien, den einzigen Schattenspendern weit und breit. Fals mal ein Bluemchen auftaucht, falle ich vor Begeisterung fast vom Rad. Am Horizont zeichnen sich ein paar kleinere Vulkankegel ab und bald stehen wir vor einer riesigen Flaeche, welche regelmaessig mit schwarzen Lavabrocken uebersaeht ist. Dabei kommt mir unweigerlich das Lied „walking on the moon“ von den Police in den Sinn. Ploetzlich stehen wir am Rand des Escarpments, 400m unter uns liegt der so lang herbei ersehnte Turkana See. Das schimmernd tuerkisfarbene Wasser und die braeunlich-schwarze Steinwueste, alles verzerrt von der sengenden Sonne, enthebt diesen Anblick der Realitaet.

Gleichfalls unreal, wenn nicht „shockierend“, ist die Abfahrt runter zum See. Mehr Kiesbett als Strasse, bietet diese Steine zwischen Tennisball- und Fussballgroesse und obschon es doch recht steil ist, kommen wir nur im Schneckentempo voran. Wie Aendus Oldi diese Strapazen uebersteht bleibt mir ein Raetsel, bei meiner Superbolide war das ja nie die Frage J. Unten angekommen ist es noch heisser und die Strasse auch nicht besser. Nun reichts! Drei Minuten spaeter planschen wir im herrlich kalten Wasser des Sees. Von einem Fischer, welcher mit trivial-Technologie die groessten Nil-Barsche raus zieht, erwerben wir uns fuer wenig Geld ein riesiges Stueck Fillet. Dieses verwandeln wir zusammen mit Reis und Instant Gemuese der kenianischen Armee in ein herrliches Festmahl. Gegen Abend kommt ein starker heisser Wind auf und die Steine strahlen unglaublich viel Waerme aus. Im Zelt komme ich mir wie ein Brathaenchen vor, welches langsam bei Heissluft und Unterhitze geschmort wird. Das bringt mich auf die unglaublich geniale Idee, die halbe Nacht aufzubleiben und mich mit Seewasser zu uebergiessen, ahh so prickelnd-erfrischend...

Nach dem See kommt die Wueste. Die Vegetation wird spaerlicher. Wir fahren durch karge Waeldchen bestehend aus gelblichen Fieberakazien. Die Landschaft wird einfach und ueberschaubar. Erholung fuer die Sinne. Die ganze Angelegenheit reduziert sich auf dich und deinen Weg. Stille, Harmonie, die Formen werden von Wind und Wasser geschaffen, die Konturen nicht von Vegetation unterbrochen. Versengte Erde, grauer Split, roetlicher Sand und brauner Kies wechseln sich ab. Weite Flaechen, harter Untergrund und Rueckenwind, wir lassen uns treiben, schwerelos, fliegen durch die Wueste, folgen dabei unserer Lust nicht der Strasse. Dann wieder schieben, tiefer Sand, die Sonne brennt, das Wasser neigt sich dem Ende zu. Wo ist bloss dieser verdammte (oder doch so erloesende) Brunnen? Die Wueste wirkt ploetzlich schwer und bedrohlich. Aber es ist so einfach, nur du und die Leere, nichts das ablenkt und niemand der Hilft. Doch! Das Wasser kommt, von oben. Regen in der Wueste! Es giesst in Stroemen und der heisse ausgemergelte Boden dampft. Er kann das viele Wasser nicht aufnehmen und bald spiegelt sich der graue Himmel in einer einzigen grossen Lache. Farblos und geheimnisvoll, aber schon wieder beaengstigend, ein Land der Extreme. Trotzdem smile ich wie der erste und letzte Maienkaefer im Doppelpack, denn ich bin klatschnass und schiebe mein Fahrrad durch einen Bach; und das in der Wueste!

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21. Februar 2004 - og