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Von Jinka, einem laendlichen Staedchen (die Landebahn ist abgesehen
vom Markt die groesste Attraktion und befindet sich demzufolge im Stadtzentrum),
fahren bzw schieben wir die Fahrraeder auf Maultierpfaden ueber einen
Pass, je zwei Knaben helfen uns dabei. Zum Glueck, denn es ist verdammt
steil. Bei der Abfahrt bremsen wir fast die Felgen gluehend. Wie viele
Menschen im hintersten Winkel dieses abgelegenen Hochtales leben! Ueberall
hat es kleine Siedlungen, ein Zickzackgewirr von Trampelpfaden ueberzieht
die Haenge und Huegel. Mit der Ruhe und Einsamkeit ist es nun vorbei.
Steigen wir in einem Dorf oder auf dem Land von unseren Velos, sind
wir sofort von einer Menge Neugieriger umringt. Fahren wir bloss durch,
rennen uns schreiend saemtliche Kinder nach. Leider spricht fast niemand
Englisch. Aethiopien wurde nie erfolgreich kolonialisiert und hat deshalb
im Gegensatz zu anderen afrikanischen Staaten seine eigene Sprache beibehalten.
Fernsehen, Radio und Zeitungen – alles in Amharik. Die Verstaendigungsschwierigkeiten
werden fuer uns in den weiteren Wochen immer zu einem groesseren Problem.
Auf dem Land und in Doerfern leben die Leute aeusserst einfach und aermlich.
Sie sind Selbstversorger, die ganze Feldarbeit wird mit der Hacke von
Hand gemacht. Wasserpumpen sind selten zu finden, die Hygiene wird erschreckend
vernachlaessigt. Plumsklos sind nicht existent oder arg verschissen,
Kuechen und Geschirr starren vor Schmutz. Ueberall hat es tausende von
Fliegen. Krass erschreckt mich die Nachlaessigkeit der Eltern gegenueber
ihren Kindern. Diese stehen staunend am Strassenrand, gekleidet in schmutzige
Lumpen, die entzuendeten Augen schwarz bedeckt von Fliegen und strecken
die leere Hand hin…Hunger!
Das suedwestliche Hochland ist sehr schoen. Eine Huegellandschaft mit
vereinzelten Eukalyptuswaeldern. Es wird viel Tef (eine Getreideart)
angebaut, vereinzelt auch Mais und Gemuese. Immer wieder gibt es neue
Kleinigkeiten im alltaeglichen Leben der Hochlaender zu entdecken. Kueche,
Kleidung, Werkzeuge, Handwerk und Haeuser, alles ist abwechslungsreich
und speziell. Fast nichts mehr erinnert an die mir vertrauten Anblicke
aus Schwarzafrika. Da fahren ploetzlich mehr Eselskarren als Autos,
zum Essen gibt es Njera (eine Art angegaerte Omelette aus Tefgetreide)
und rohes Fleisch (wenn man es mag…), Maenner und Frauen huellen
sich in lange weisse Tuecher auf dem Weg zur taeglichen Messe in der
orthodoxen Kirche. Manchmal kommt es mir vor, als reise ich auf einem
anderen Kontinet, nicht mehr in Afrika.
So sehr mich das Land auch fasziniert, ich habe von Tag zu Tag mehr
Muehe mit den Hochlaendern. Sie haben die nervige Angewohnheit, anstelle
von einem „hello!“, mit einem gebruellten „you!“
„you!“ die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bei Teepausen
in kleinen Doerfern kommt es immer wieder zur gleichen Szene: Es versammeln
sich viele (manchmal 100 oder mehr) Neugierige in und vor der Teebude.
Dem Besitzer wird das zuviel, er greift nach wuetenden und uns leider
unverstaendlichen Worttiraden zum Wasserbecher und versucht die Gaffer
zu vertreiben. Auch das bringt nichts. Als naechstes greift er zur Rute
und schlaegt wahllos in die Menge. Die Vordersten bekommen die Schlaege
ab, koennen aber im Gedraenge nicht ausweichen. Geschrei, Gebruell,
blutige Nasen und aufgeschlagene Lippen – alles nur weil wir hier
Tee trinken. Wirklich erholsam sind diese Art von Pausen nicht. Suedlich
von Addis Abeba wird es dann wirklich schwierig. Kinder rennen uns nach,
zerren am Velo, schmeissen uns Steine und Wasser nach, Eselstreiber
tun so als wollten sie uns mit ihren Peitschen schlagen. Und immer dieses
aggressive „you!“, „you!“, „you!“,
„iu!“, „iu!“.
In Addis bin ich am Ende und nur noch froh in der scheinbaren Anonymitaet
der Grosstadt untertauchen zu koennen. Zu allem Aerger hin haben wir
beide seit zwei Wochen arge Magenbeschwerden. Im Spital diagnostiziert
Frau Doktor bei uns beiden Amoeben. Also lassen wir die Finger vom guten
aethiopischen Wein und schlucken schoen brav unsere Antibiotikas.
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