Aethiopien – viele Menschen, noch mehr Fliegen
(Jinka – Addis Abeba, Aethiopien im Januar 2004 )

Andreas Kunz


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Von Jinka, einem laendlichen Staedchen (die Landebahn ist abgesehen vom Markt die groesste Attraktion und befindet sich demzufolge im Stadtzentrum), fahren bzw schieben wir die Fahrraeder auf Maultierpfaden ueber einen Pass, je zwei Knaben helfen uns dabei. Zum Glueck, denn es ist verdammt steil. Bei der Abfahrt bremsen wir fast die Felgen gluehend. Wie viele Menschen im hintersten Winkel dieses abgelegenen Hochtales leben! Ueberall hat es kleine Siedlungen, ein Zickzackgewirr von Trampelpfaden ueberzieht die Haenge und Huegel. Mit der Ruhe und Einsamkeit ist es nun vorbei. Steigen wir in einem Dorf oder auf dem Land von unseren Velos, sind wir sofort von einer Menge Neugieriger umringt. Fahren wir bloss durch, rennen uns schreiend saemtliche Kinder nach. Leider spricht fast niemand Englisch. Aethiopien wurde nie erfolgreich kolonialisiert und hat deshalb im Gegensatz zu anderen afrikanischen Staaten seine eigene Sprache beibehalten. Fernsehen, Radio und Zeitungen – alles in Amharik. Die Verstaendigungsschwierigkeiten werden fuer uns in den weiteren Wochen immer zu einem groesseren Problem.
Auf dem Land und in Doerfern leben die Leute aeusserst einfach und aermlich. Sie sind Selbstversorger, die ganze Feldarbeit wird mit der Hacke von Hand gemacht. Wasserpumpen sind selten zu finden, die Hygiene wird erschreckend vernachlaessigt. Plumsklos sind nicht existent oder arg verschissen, Kuechen und Geschirr starren vor Schmutz. Ueberall hat es tausende von Fliegen. Krass erschreckt mich die Nachlaessigkeit der Eltern gegenueber ihren Kindern. Diese stehen staunend am Strassenrand, gekleidet in schmutzige Lumpen, die entzuendeten Augen schwarz bedeckt von Fliegen und strecken die leere Hand hin…Hunger!
Das suedwestliche Hochland ist sehr schoen. Eine Huegellandschaft mit vereinzelten Eukalyptuswaeldern. Es wird viel Tef (eine Getreideart) angebaut, vereinzelt auch Mais und Gemuese. Immer wieder gibt es neue Kleinigkeiten im alltaeglichen Leben der Hochlaender zu entdecken. Kueche, Kleidung, Werkzeuge, Handwerk und Haeuser, alles ist abwechslungsreich und speziell. Fast nichts mehr erinnert an die mir vertrauten Anblicke aus Schwarzafrika. Da fahren ploetzlich mehr Eselskarren als Autos, zum Essen gibt es Njera (eine Art angegaerte Omelette aus Tefgetreide) und rohes Fleisch (wenn man es mag…), Maenner und Frauen huellen sich in lange weisse Tuecher auf dem Weg zur taeglichen Messe in der orthodoxen Kirche. Manchmal kommt es mir vor, als reise ich auf einem anderen Kontinet, nicht mehr in Afrika.
So sehr mich das Land auch fasziniert, ich habe von Tag zu Tag mehr Muehe mit den Hochlaendern. Sie haben die nervige Angewohnheit, anstelle von einem „hello!“, mit einem gebruellten „you!“ „you!“ die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bei Teepausen in kleinen Doerfern kommt es immer wieder zur gleichen Szene: Es versammeln sich viele (manchmal 100 oder mehr) Neugierige in und vor der Teebude. Dem Besitzer wird das zuviel, er greift nach wuetenden und uns leider unverstaendlichen Worttiraden zum Wasserbecher und versucht die Gaffer zu vertreiben. Auch das bringt nichts. Als naechstes greift er zur Rute und schlaegt wahllos in die Menge. Die Vordersten bekommen die Schlaege ab, koennen aber im Gedraenge nicht ausweichen. Geschrei, Gebruell, blutige Nasen und aufgeschlagene Lippen – alles nur weil wir hier Tee trinken. Wirklich erholsam sind diese Art von Pausen nicht. Suedlich von Addis Abeba wird es dann wirklich schwierig. Kinder rennen uns nach, zerren am Velo, schmeissen uns Steine und Wasser nach, Eselstreiber tun so als wollten sie uns mit ihren Peitschen schlagen. Und immer dieses aggressive „you!“, „you!“, „you!“, „iu!“, „iu!“.
In Addis bin ich am Ende und nur noch froh in der scheinbaren Anonymitaet der Grosstadt untertauchen zu koennen. Zu allem Aerger hin haben wir beide seit zwei Wochen arge Magenbeschwerden. Im Spital diagnostiziert Frau Doktor bei uns beiden Amoeben. Also lassen wir die Finger vom guten aethiopischen Wein und schlucken schoen brav unsere Antibiotikas.

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11. April 2004 - og