Ein zerknittertes Laecheln
(Behoerdenmarathon in Addis Abeba, Aethiopien im Februar 2004)

Stefan Schilli


home > berichte > 16. 04. 2004 - 1
 

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Ein zerknittertes Laecheln ziert das Foto in meinem neuen Pass. Dass ich unter den gegebenen Umstaenden ueberhaupt ein Laecheln zustande gebracht habe, ist eine beachtliche Leistung. Das ganze kam so:
Nachdem mir so ein Aethiopier (ich lasse die Adjektive mal weg) in Bahir Dar alle meine Reisedokumente geklaut hat, muss ich mich mit dem Gedanken abfinden, nocheinmal in das vor Armut und Ungerechtigkeit zum Himmel stinkende Addis zurueckzufahren. Zuerst muss noch ein Polizeirapport her und da diese Muessiggaenger Sonntags nur Mord und Totschlag behandeln, gehe ich voller Hoffnung am naechsten Morgen zum zweiten Mal hin. Mit Freude kann ich eine Stunde spaeter den Rapport entgegennehmen. Leider bekomme ich nur einen fuer die naechste Polizeistation. Das Erstaunliche ist, dass diese Leute es schaffen, erneut die gleichen Fragen zu stellen, was dazu fuehrt, dass mir kurzzeitig die Nerven durchgehen und ich mich bei einem Cappucino und einem Stueck Kuchen, neu von der Notwendigkeit eines Rapports ueberzeugen muss. Mit gespielter Lockerheit nehme ich die Auskunft entgegen, dass ich mit dem neuen, also dem zweiten Rapport auf die Hauptpolizei muss, welche am anderen Ende der Stadt liegt. Die Leute dort sind eigentlich ganz nett und geben mir einen neuen Rapport, welchen ich auf der Staatspolizei in Addis Abeba vorbeibringen muss. Ach was solls…
Die 15 stuendige Busfahrt zurueck in die Hauptstadt war Dank lieben Freunden, welche mir einen Platz in einem privaten Minitaxi organisiert haben, ganz ok. Am naechsten Morgen sitze ich im improvisierten Fotostudio wo man mit einer zur Kamera Obskura umgebauten Spiegelreflex ein Foto von mir mit meinem zerknitterten Laecheln schiesst. Danach gehts ab in die Schweizer Botschaft. Ein super netter Typ (vielen lieben Dank Gregor) nimmt das Zepter sofort in die Hand und muntert mich auf. Und siehe da, drei Stunden spaeter bin ich schon kein Sans-Papier mehr. Nach soviel Glueck macht es mir nicht viel aus, dass ich mich durch unzaehlige Bueros zwei weiterer Polizeistationen durchfragen muss um endlich den Durchbruch zu schaffen; ein aethiopischer Agent von Interpool Addis Abeba schreibt mir einen Polizeirapport; ich bekomme feuchte Augen.
Auf der Immigration kennt man mich leider noch, denn letztes mal gab es einen kleinen Zusammenschiss wegen dem Eintritt ueber die gruene Grenze. Dafuer weis ich das Prozedere noch: Formular holen im Buero 91, Zusammenschiss anhoeren im Buero 79, Antrag bezahlen im Buero 82 und am naechsten Tag Aufenthaltsbewilligung entgegennehmen im Buero 96. Auf der Sudanesischen Botschaft muss ich ein neues Visum beantragen. Ich erklaere kurz meinen Fall. Man wolle kurz in der Datenbank den letzten Antrag ueberpruefen, worauf die Sekretaerin einen riesigen Stapel Papier herbeischleppt und zu suchen beginnt. Leider muss ich erneut die 60$ Gebuehr bezahlen, dafuer verspricht man mir, dass die Arbeit am naechsten Tag erledigt sei. Aber es waere ja nicht Afrika, und da es sich dummerweise noch um Aethiopien handelt, braucht es drei weitere Anlaeufe bis ich mein Visum in der Hand habe.
Nach einer Woche verlasse ich Addis wieder. Hintermir lasse ich ueber 300$ und einige Nerven, mit mir kommen neuerdings ein paar weisse Haare und die Ueberzeugung, dass mich in der Schweiz so schnell keine Behoerde mehr aus der Ruhe bringen kann. Ich bin froh, dass ich diese Stadt verlassen kann, auch wenn ich wieder eine 15 stuendige Holperfahrt vor mir habe und den Ruecksitz des abgefuckten Landcruisers mit drei weiteren Personen teilen muss. Diese Stadt raubt mir die Kraft, macht mich muede und hoffnungslos. Wenn ich durch die Strassen gehe, kommt es mir manchmal vor wie in einem schlechten Film; die Bettler mit fehlenden oder verkrueppelten Gliedmassen, zum Teil blind aber immer in dreckige und zerschlissene Lumpen gehuellt, die Augen, Haut und Kleider farblos. Sie verfolgen mich wie Zombies und mit jedem den ich hinter mir lasse, bleibt auch ein Stuecklein Menschlichkeit auf der Strecke. Ich habe einige engagierte Leute getroffen, welche versuchen das Elend in dieser Stadt zu lindern und ich bewundere sie. Ich wuesste nicht mal wo anfangen, die Armut und vorallem die Ungerechtigkeit sind eifnach allgegenwaertig. Ich fuehle mich hier als Radfahrer das erste Mal auf dieser Reise fehl am Platz und kann dadurch keine neue Motivation und Energie mehr schoepfen. Ich bin muede.

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19. April 2004 - og