Mit Mr. Andy durch Afrika
(Just another camel trophy, Juli 2003 – Mai 2004)

Stefan Schilli


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Ich sitze wieder auf dem Rad, dieses Mal alleine, ohne Aendu. Er ist schon in Europa und geniesst dort den Frühling. Vor mir liegen noch viele Kilometer bevor ich wieder einen Frühling erleben kann. Ich radle drauflos, die Welt ist wieder voller Buntspechte – es fehlen die spezifizierenden Erläuterungen des erfahrenen Ornithologen. Es fällt mir auf, dass es plötzlich ruhig geworden ist. Kein Knistern und Rattern, kein Fluchen ueber die scheiss Shimano-Schaltung ist zu hören, nur noch das regelmässige Summen meiner deutschen Qualitätsschaltung. Tief atme ich die reine Luft und vermisse dabei ein wenig die muffige Komponente, welche von Aendus Handschuhen auszugehen pflegte – selten Gewaschen hätte er sie auch als Wurfgeschosse verwenden koennen, zuhause wären sie gut als Briefbeschwerer durchgegangen.
Am Anfang unserer Reise hat mich Aendu’s Umgang mit den Afrikanern oft irritiert; ein wenig rauh und zu verständnislos fand ich. Im Nachhinein verstehe ich nun, dass es mein Standpunkt war, der es so hat aussehen lassen. Denn Aendu hat die Menschen hier einfach so behandelt, wie er es auch zuhause mit Schweizern tut. Er war nicht ueberfreundlich aber auch nicht herablassend. Und er hat nicht alles gutgeheissen; wenn ihm etwas nicht gefiel, wurde das dem anderen klar gemacht. Aendu hat die Afrikaner nicht wie Kleinkinder behandelt, welche noch „ungebildet“alles tun und lassen duerfen. Er nahm sie wie Erwachsene, welche fuer ihre Handlungen die Verantwortung uebernehmen müssen, egal welchem Kulturkreis sie entstammen. Ich empfand diese Einstellung damals als zu missionarisch und lies meinerseits viel mehr durchgehen, mit der Erklaerung, dass wir uns hier in einer anderen Kultur befinden, folglich diese auch ein anderes Wertesystem hat. Das stimmt natürlich, aber dennoch gibt es ein paar Dinge (Ehrlichkeit und Lebensachtung zum Beispiel), welche auf der ganzen Welt ihren Anspruch haben.
Aendu hat nie einen Unterschied zwischen Schwarz und Weiss gemacht, bemitleidete nicht die Armen und versuchte auch nicht, den Reichen in den Arsch zu kriechen. Das machte unsere gemeinseame Reise sehr eindrücklich und vielfältig, denn wir sahen durch alle Schichten. Wir assen oder rasteten viel unter einfachsten Verhältnissen, um es uns dann auch wieder einmal in einem gediegenen Hotel gut gehen zu lassen. Aendu hat mir mit seiner interessierten und offenen Art beigebracht, Kultur nicht nur als etwas fremdes und interessantes zu betrachten, sondern in die Kultur einzutauchen, sie zu leben. So haben wir mit Bauern, Polizisten, Huren, Orangenverkäuferinnen, Fischern, Missionaren, Studentinnen, Politikern und Strassenkindern diskutiert, wir haben alles gegessen und getrunken was aufzutreiben war (haben ein paar mal den Preis dafür bezahlt) und haben die Afrikanische „Infrastruktur“, ein Netzwerk von sogenannten Alleswissern und Alleskoennern, zu nutzen gelernt, so dass wir am Schluss alles auftreiben oder herstellen lassen konnten, was wir fuer unsere Reise gebraucht haben. Wir standen dabei oft im Mittelpunkt, beobachtet von einer oder auch hunderten Personen, was zum Teil ganz lustig aber dann auch wieder ziemlich anstrengend sein konnte.
Unserer Reise durch Afrika – wo Zeit oder Distanzen nicht so wichtig sind, wo mehr heute als morgen gelebt wird, wo Leute viel mehr lachen als sie eigentlich zu lachen hätten und wo alles möglich erscheint – war fast so vielseitig, spontan und dynamisch wie das Land selbst. Afrika zu bereisen ist das eine, seine Lungen mit Afrika zu füllen und es zu Leben ist das andere. Dank Aendu und unserer verrückten Velotour habe ich beides gemacht.
Asante sana Afrika und asante sana Mr. Andy!

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22. Juni 2004 - og