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Ich sitze wieder auf dem Rad, dieses Mal alleine, ohne Aendu. Er ist
schon in Europa und geniesst dort den Frühling. Vor mir liegen
noch viele Kilometer bevor ich wieder einen Frühling erleben kann.
Ich radle drauflos, die Welt ist wieder voller Buntspechte – es
fehlen die spezifizierenden Erläuterungen des erfahrenen Ornithologen.
Es fällt mir auf, dass es plötzlich ruhig geworden ist. Kein
Knistern und Rattern, kein Fluchen ueber die scheiss Shimano-Schaltung
ist zu hören, nur noch das regelmässige Summen meiner deutschen
Qualitätsschaltung. Tief atme ich die reine Luft und vermisse dabei
ein wenig die muffige Komponente, welche von Aendus Handschuhen auszugehen
pflegte – selten Gewaschen hätte er sie auch als Wurfgeschosse
verwenden koennen, zuhause wären sie gut als Briefbeschwerer durchgegangen.
Am Anfang unserer Reise hat mich Aendu’s Umgang mit den Afrikanern
oft irritiert; ein wenig rauh und zu verständnislos fand ich. Im
Nachhinein verstehe ich nun, dass es mein Standpunkt war, der es so
hat aussehen lassen. Denn Aendu hat die Menschen hier einfach so behandelt,
wie er es auch zuhause mit Schweizern tut. Er war nicht ueberfreundlich
aber auch nicht herablassend. Und er hat nicht alles gutgeheissen; wenn
ihm etwas nicht gefiel, wurde das dem anderen klar gemacht. Aendu hat
die Afrikaner nicht wie Kleinkinder behandelt, welche noch „ungebildet“alles
tun und lassen duerfen. Er nahm sie wie Erwachsene, welche fuer ihre
Handlungen die Verantwortung uebernehmen müssen, egal welchem Kulturkreis
sie entstammen. Ich empfand diese Einstellung damals als zu missionarisch
und lies meinerseits viel mehr durchgehen, mit der Erklaerung, dass
wir uns hier in einer anderen Kultur befinden, folglich diese auch ein
anderes Wertesystem hat. Das stimmt natürlich, aber dennoch gibt
es ein paar Dinge (Ehrlichkeit und Lebensachtung zum Beispiel), welche
auf der ganzen Welt ihren Anspruch haben.
Aendu hat nie einen Unterschied zwischen Schwarz und Weiss gemacht,
bemitleidete nicht die Armen und versuchte auch nicht, den Reichen in
den Arsch zu kriechen. Das machte unsere gemeinseame Reise sehr eindrücklich
und vielfältig, denn wir sahen durch alle Schichten. Wir assen
oder rasteten viel unter einfachsten Verhältnissen, um es uns dann
auch wieder einmal in einem gediegenen Hotel gut gehen zu lassen. Aendu
hat mir mit seiner interessierten und offenen Art beigebracht, Kultur
nicht nur als etwas fremdes und interessantes zu betrachten, sondern
in die Kultur einzutauchen, sie zu leben. So haben wir mit Bauern, Polizisten,
Huren, Orangenverkäuferinnen, Fischern, Missionaren, Studentinnen,
Politikern und Strassenkindern diskutiert, wir haben alles gegessen
und getrunken was aufzutreiben war (haben ein paar mal den Preis dafür
bezahlt) und haben die Afrikanische „Infrastruktur“, ein
Netzwerk von sogenannten Alleswissern und Alleskoennern, zu nutzen gelernt,
so dass wir am Schluss alles auftreiben oder herstellen lassen konnten,
was wir fuer unsere Reise gebraucht haben. Wir standen dabei oft im
Mittelpunkt, beobachtet von einer oder auch hunderten Personen, was
zum Teil ganz lustig aber dann auch wieder ziemlich anstrengend sein
konnte.
Unserer Reise durch Afrika – wo Zeit oder Distanzen nicht so wichtig
sind, wo mehr heute als morgen gelebt wird, wo Leute viel mehr lachen
als sie eigentlich zu lachen hätten und wo alles möglich erscheint
– war fast so vielseitig, spontan und dynamisch wie das Land selbst.
Afrika zu bereisen ist das eine, seine Lungen mit Afrika zu füllen
und es zu Leben ist das andere. Dank Aendu und unserer verrückten
Velotour habe ich beides gemacht.
Asante sana Afrika und asante sana Mr. Andy!
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