Stolperwege und Schnorchelgründe
(Suez – Dahab, Aegypten im Mai 2004)

Stefan Schilli


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Endlich kann ich dieses Netz aus Polizei- und Militärbehörden zurücklassen. Ich will auf den abgelegensten Pfaden durch die zentrale Sinai, wuerde sogar auf den Mond radeln, wenn das nur möglich wäre, nur um diesen uniformierten Banditen zu entkommen. Die gewählte Strasse entpuppt sich schnell als besserer Feldweg mit vielen Verzweigungen. Huegelketten und ausgetrocknete Flussläufe weisen mir einen Weg, ob es der richtige ist? Ich verliere mich in der Weite der Wüste und es ist mir ganz recht. Nach den Strapazen im Behördendschungel erscheint mir das banale Gesetz der Wüste gerechter und ich geniesse es dieses Mal ganz klein zu sein, hier wird wenigstens mit offenen Karten gespielt.
Die Errosionslandschaft um mich herum ist wunderschön und so fremd. Ich fahre auf schwarzem Grund, zu meiner linken erheben sich ausgewaschene Bergflanken, so weiss und ausgehölt, als wären sie die Gerippe einst mächtiger Berge. Mein Schlafplatz befindet sich in einem Canyon mit crèmefarbenen, rundgeschliffenen Felsskulpturen. Stellenweise wird das Elfenbein von rostigen Schichten durchzogen, zuerst im scharfen Kontrast um sich dann wieder wellenförmig zu verlieren. Es muss sich um einen alten Windstoss handeln, welcher in diesen Felsen eingesperrt wurde. Die Sonne verschwindet langsam und blutrot hinter einem pyramidenförmigen Berg, einige Wolkenfragmente leuchten ein letztes Mal auf und mein Canyon durchwandert alle erdenklichen Frabtöne, an seinem Ende verliert er sich in den Weiten der schon recht düsteren Wüste. In diesem Moment bin ich der kleine Prinz.
Am nächsten Tag muss ich mit Schrecken feststellen, dass hin und wieder ein Militärposten aus dem Nichts auftaucht. Schon fast paranoid vermeide ich es gesehen zu werden, aber schon beim nächsten steht ein Typ am Wegrand und die Wachhunde begrüssen mich recht feindlich. Der Mann ist sehr nett und hat einen Krug mit kaltem Wasser dabei. Danach werde ich jeweils via Funk vorangekündigt und ich sehe schon von weitem, dass mich jemand erwartet. So kommt es, dass ich zu kaltem Wasser, Tee und schlussendlich sogar zu einer Schischa in einem der Wachposten eingeladen werde und sich meine Aengste wieder verflüchtigen. Gegen Abend versperrt mir ein tiefes Wadi den Weg, so dass ich runterfahren und im folgen muss. Leider wähle ich dann den falschen Lauf und befinde mich plötzlich inmitten grünster Mariuanafelder. Ich rekapituliere kurz meine Lage (das dauert cirka eine Stunde) und beschliesse dann, meine Wasservorräte und Ausrüstung zu behalten und meine Taschen nicht mit Gras vollzustopfen. Vielleicht eine Eingebung Gottes, denn kurz darauf stehen ein paar Beduinen-Brüder auf der Matte und schauen mich finster an. Wahrscheinlich halten sie mich fuer einen dieser krassen Kiffer, welche in der Einsamkeit der Wüste Erleuchtung suchen und dazu jede Menge Grass benötigen. Ich spiele den verwirrten Verirrten und schon bald entspannt sich die Lage.
Am nächsten Morgen hört der Feldweg vollends auf zu existieren. Zufällig getroffene Beduinen erklären mir den Weg und für die nächsten vier Stunden schiebe ich mein Rad zum Teil fluchend über einen steinigen Trampelpfad, welcher plötzlich mit einen 500m Abhang endet. Ich geniesse die Aussicht auf die seltsame Wüstenlandschaft und mache mich dann an den Abstieg. Der Downhill ist von der gröberen Sorte und ich bin froh, dass Aendu nicht mehr dabei ist, sein „(G)oldi“ wäre dabei vermutlich zu Staub zerfallen.
In Katherine treffe ich Peter, den fliegenden Holänder, wieder und zusammen besteigen wir den Mt. Sinai, auf dessen Gipfel Moses die zehn Gebote empfangen haben soll. Es ist später Nachmittag, die Kioskbesitzer und Kameltreiber, welche wir auf dem Weg nach oben treffen, versuchen ihr letztes Geschäft zu landen und mit dem Sonnenuntergang erreichen wir die Kappelle auf dem Gipfel. Ein schöner und mystischer Ort. Wie ging das gleich nochmal? Du sollst nicht töten? Nicht lügen? Deinen Nächsten lieben wie dich selbst? Hier oben scheint mir das alles möglich, ja sogar natürlich. Aber unten? Die Sonne ist verschwunden, Himmel und Erde trennt ein feuriges Band. Wir begeben uns an den Abstieg.
In Dahab (von diesem Ort habe ich bereits im Sudan erfahren, dass das Bier nur einen Dollar kosten soll) treffen wir uns mit Sandra wieder, welche uns von Kairo aus besuchen kommt. Wir treffen noch weitere gute Leute und zusammen wird gelacht, gefuttert und reichlich die „ein-Dollar-Bierchen“ komsummiert und natürlich Schischa geraucht. Es sind ein paar erholsame Tage am roten Meer. Die einzige sportliche Aktivität bildet das Schnorcheln. Das türkisblaue Wasser ist klar wie Luft und so schwimme oder fliege ich über bizarre Korallengärten und um mich herum fliegen Fische, einer prächtiger als der andere.

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22. Juni 2004 - og