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Alleine mache ich mich auf und kurble entlang der türkischen Schwarzmeerküste
Trabzon entgegen, wo ich ein russisches Visum beantragen möchte.
Es ist heiss und feucht. Hinter einem schmalen, flachen Küstenstreifen
erheben sich steile Hügel, welche von einer schwitzenden, satt
grünen und tropisch anmutenden Vegetatsionsschicht überwuchert
werden. Wo es die Steilheit zulässt, wird Tee angebaut, die regelmässigen
Strukturen der Felder heben sich von der wilden Umgebung ab und sind
so von Weitem sichtbar. Dutzende Teefabriken verbreiten einen schweren
Geruch, radeln ist plötzlich wie Tee trinken, praktische Angelegenheit.
In Trabzon quartiere ich mich in einem kleinen Hotel ein, mein Zimmer
besitzt den einzigen Balkon des Gebäudes. Danach begebe ich mich
zum russischen Konsulat, wo man mir als erstes mitteilt, dass ich nur
ein zwei wöchiges Visum kriegen kann. Nach einigem Argumentieren
wollen sie mir dann doch ein monatiges geben, man braucht aber eine
originale Einladung, was mich weitere 50$ für einen UPS-Kurrier
von Moskau kosten wird.
Drei Tage später erscheine ich erneut vor dem Konsulat, ein übereifriger
Polizist, hält mich aufgrund meines Bartes, für einen potentiellen
Tschetschenen und somit für einen potentiel potentiellen Terroristen,
was zu weiteren Verzögerungen führt. Im Konsulat mache ich
dann das erste Mal Bekanntschaft mit der russischen Bürokratie.
Ein älterer Herr, er spricht, Gott sei Dank, ein gebrochenes Deutsch,
untersucht mit akribischer Sorgfallt meine Einladung. Nach ein paar
Minuten ruft er beinahe triumpfierend: “Aha, ein Problem!”
und ich denke nur noch “au Backe...”. Nun hat der gute Mann
beim Grund für mein Visum das Wort “Autotourist” gefunden
und da ich ja bekanntlich mit dem Fahrrad unterwegs bin, geht das natürlich
nicht. Ich erkläre ihm, dass das doch überhaupt kein Problem
sei, doch der Bürokrat bleibt bei seiner Artikel-Absatz-Logik und
telephoniert mit der Zentrale in Moskau, um diesen Sachverhalt genau
abzuklären. Doch die Götter der Wörter und Begriffe sind
für einmal auf meiner Seite, der Begriff “Fahrradtourist”
kennt man in Russland zum Glück noch nicht und so steht meiner
Bewerbung nichts mehr im Wege.
Die paar Tage in der Türkei nutze ich für eine kleine Velotour
(was denn sonst?) in das Küstengebirge. Zuerst besuche ich eines
der zahlreichen alten Klöster. Das Sumela-Kloster wurde vor hunderten
Jahren in eine Felswand rein gebaut, von wo man ein steiles Bergtal
überblicken kann. Die Mönche haben längst das Zeitliche
gesegnet, doch für den Tourismus wird die Anlage sorgfälltig
renoviert. Schon nur die exponierte Lage und das Zusammenspiel von Architektur
und Umgebung sind einen Besuch wert. Als Zusatz kriegt man in der Felsenkapelle,
im Innern des Klosters, grossflächige Fresken zu sehen. Mein Ausflug
führt mich weiter rauf in eine wilde Berglandschaft mit ausgedehnten
Hochweiden, welche von vielen Schaf- und Kuhherden durchzogen werden,
vorbei an lichten Wäldern mit uralten, von Wind und Wetter, geformten
Kiefern, bis zu den höchsten Pässen. Die Aussicht ist super,
doch leider nur für kurz, über die Kuppen ziehen Nebelschwaden
vor und hinter mir vorbei, ein faszinierendes Schauspiel. Bald darauf
wird es richtig kalt und feucht und ich sehe überhaupt nichts mehr,
Bergwetter halt.
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