Russische Bürokraten und ein Klosterbesuch
(Rize – Trabzon, Türkei im Juli 2004)

Stefan Schilli


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Alleine mache ich mich auf und kurble entlang der türkischen Schwarzmeerküste Trabzon entgegen, wo ich ein russisches Visum beantragen möchte. Es ist heiss und feucht. Hinter einem schmalen, flachen Küstenstreifen erheben sich steile Hügel, welche von einer schwitzenden, satt grünen und tropisch anmutenden Vegetatsionsschicht überwuchert werden. Wo es die Steilheit zulässt, wird Tee angebaut, die regelmässigen Strukturen der Felder heben sich von der wilden Umgebung ab und sind so von Weitem sichtbar. Dutzende Teefabriken verbreiten einen schweren Geruch, radeln ist plötzlich wie Tee trinken, praktische Angelegenheit. In Trabzon quartiere ich mich in einem kleinen Hotel ein, mein Zimmer besitzt den einzigen Balkon des Gebäudes. Danach begebe ich mich zum russischen Konsulat, wo man mir als erstes mitteilt, dass ich nur ein zwei wöchiges Visum kriegen kann. Nach einigem Argumentieren wollen sie mir dann doch ein monatiges geben, man braucht aber eine originale Einladung, was mich weitere 50$ für einen UPS-Kurrier von Moskau kosten wird.
Drei Tage später erscheine ich erneut vor dem Konsulat, ein übereifriger Polizist, hält mich aufgrund meines Bartes, für einen potentiellen Tschetschenen und somit für einen potentiel potentiellen Terroristen, was zu weiteren Verzögerungen führt. Im Konsulat mache ich dann das erste Mal Bekanntschaft mit der russischen Bürokratie. Ein älterer Herr, er spricht, Gott sei Dank, ein gebrochenes Deutsch, untersucht mit akribischer Sorgfallt meine Einladung. Nach ein paar Minuten ruft er beinahe triumpfierend: “Aha, ein Problem!” und ich denke nur noch “au Backe...”. Nun hat der gute Mann beim Grund für mein Visum das Wort “Autotourist” gefunden und da ich ja bekanntlich mit dem Fahrrad unterwegs bin, geht das natürlich nicht. Ich erkläre ihm, dass das doch überhaupt kein Problem sei, doch der Bürokrat bleibt bei seiner Artikel-Absatz-Logik und telephoniert mit der Zentrale in Moskau, um diesen Sachverhalt genau abzuklären. Doch die Götter der Wörter und Begriffe sind für einmal auf meiner Seite, der Begriff “Fahrradtourist” kennt man in Russland zum Glück noch nicht und so steht meiner Bewerbung nichts mehr im Wege.
Die paar Tage in der Türkei nutze ich für eine kleine Velotour (was denn sonst?) in das Küstengebirge. Zuerst besuche ich eines der zahlreichen alten Klöster. Das Sumela-Kloster wurde vor hunderten Jahren in eine Felswand rein gebaut, von wo man ein steiles Bergtal überblicken kann. Die Mönche haben längst das Zeitliche gesegnet, doch für den Tourismus wird die Anlage sorgfälltig renoviert. Schon nur die exponierte Lage und das Zusammenspiel von Architektur und Umgebung sind einen Besuch wert. Als Zusatz kriegt man in der Felsenkapelle, im Innern des Klosters, grossflächige Fresken zu sehen. Mein Ausflug führt mich weiter rauf in eine wilde Berglandschaft mit ausgedehnten Hochweiden, welche von vielen Schaf- und Kuhherden durchzogen werden, vorbei an lichten Wäldern mit uralten, von Wind und Wetter, geformten Kiefern, bis zu den höchsten Pässen. Die Aussicht ist super, doch leider nur für kurz, über die Kuppen ziehen Nebelschwaden vor und hinter mir vorbei, ein faszinierendes Schauspiel. Bald darauf wird es richtig kalt und feucht und ich sehe überhaupt nichts mehr, Bergwetter halt.

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17. September 2004 - og