Mit dem Raketenboot nach Russland
(Trabzon – Sochi, Russland im August 2004)

Stefan Schilli


home > berichte > 17. 09. 2004 - 5
 

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Im Hafen von Trabzon; ich habe gerade ein Ticket für das Schiff nach Sochi gekauft und wundere mich nun, wie ich an Boot der grossen weissen Fähre komme, welche vor mir vertaut liegt. Leider ist dies ein anderes Schiff und kurze Zeit später stehe ich vor dem richtigen. Staunend bewundere ich das Gefährt, mehr Rakete als Schiff taucht diese sowjetische Konstruktion bei ausreichender Geschwindigkeit aus dem Wasser auf und gleitet auf Skiern, so zumindest die Theorie. Zwei ältere Männer mit halblangen grauen Haaren, der eine trägt eine fette Hornbrille und beide in Shorts und mit offenem Hemd, basteln an einer Elektropumpe rum, zwei weitere Typen in Badehosen schauen zu und machen Witze. Wenig später wird mit der Pumpe Treibstoff aus einem Fass in das Schiff befördert und weitere kleine Arbeiten lässig erledigt. Als sich einer der Hobby-Bastler ans Steuer setzt und den Kahn startet wird es mir ein wenig mulmig zumute - wo zum Teufel bleibt der Kapitän? Gleichzeitig freue ich mich über diese altbekannte “afrikanische” Art. Es taucht kein weiterer “Kapitän” auf und bald darauf befinden wir uns auf einer rauhen Ueberfahrt. Die Stimmung an Boot ist locker, ich werde zu Wodka eingeladen und schon bald ist alles nur noch halb so schlimm. Um Mitternacht laufen wir in Sochi ein, müssen aber bis zum nächsten Morgen warten, da der Zoll erst um 9 Uhr zu arbeiten beginnt.
Nun bin ich zwar geographisch in Russland angelangt, jedoch auf das, was ich mir darunter vorgestellt habe, muss ich mich noch eine Zeitlang gedulden. Ich will nicht jammern, denn Sochi hat mir mit seinem snobigen “Schickimickismus” trotzdem gut gefallen, vorallem die weiblichen Komponenten davon. Wer in diesem Land etwas auf sich hält und ans Meer fährt, der kommt mit Sicherheit hierher. Sehen und gesehen werden. Für das richtige Outfit wird überall geworben und es gibt genügend Boutiques um es sich auch gleich anzuschaffen: Badekleider und Sonnenbrillen, Dessous und etwas weniges für darüber, elegante Smokings und Parfüm, Handies und was sonst noch von Nöten ist.
Die Sommergäste achten aufs Aeussere und so gibt es an der Strandpromenade einiges zu bewundern. Vielleicht liegt es ja an mir, nach fünf Monaten in arabischen Ländern reagiere ich nun etwas empfindlich auf offenherzig präsentierte Weiblichkeit und muss schauen, dass ich keine Ueberdosis abkriege. Aber das ist schwer, überall wo man hinschaut, sei es am Strand, im Einkaufszentrum oder beim Spaziergang durch den Stadtpark, Microminis, enge kurze Jaens-Shorts, knappe Bikinis und halbdurchsichtige Tops. Selbst das aufregendste Outfit wird am unpassendsten Ort mit einer Gleichgültigkeit getragen, als wäre es nur ein langweiliger Adidas-Trainer und es kommt daher ganz selten billig rüber, meistens eher als wäre es die normalste Sache der Welt. Die Typen sind kleidungsmässig eher praktisch drauf. Ueberall in der Stadt kann man, nur in Shorts und mit Schlarpen bekleidet, hingehen. Man fällt auch nicht auf, wenn man dazu noch eine Flasche Bier oder Wodka mit sich rumschleppt, und sei das am Morgen früh, man wird nicht der einzige sein.

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17. September 2004 - og