The russian way
(Sochi – Nalchik, Russland im August 2004)

Stefan Schilli


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Sochi werde ich so schnell nicht los. Man sagt mir, nach Los Angeles ist es die zweitlängste Stadt der Welt, sie erstrecke sich für rund 140km der Schwarzmeerküste entlang. Es sind dann aber eher lose Aglomerationen und so gesehen, wäre die Schweiz wohl die grösste Stadt der Welt. Der starke Verkehr raubt mir schon bald den Nerv. Am nächsten Tag sitze ich Bummler und geniesse die Ausblicke aufs Meer. Hier sind die Züge noch nach alter Manier gebaut; hohe Wagons, welche man über ein paar mächtige Stufen erreichen kann und innen ganz einfach; robuste Holzbänke mit Kunstlederbezug, die kleinen Tischchen an der Seite und die Türen, welche bei jeder Kurve aufgehen, Zugnostalgie halt. Mein Plan ist es, nach Südosten zu radeln, was anfänglich ganz schön hart hat, wollte ich doch eigentlich nur noch nach Westen fahren. Doch der Kaukasus, Schmelztigel verschiedener Ethnien und Schnittstelle zwischen Europa und Asien, reizt mich doch sehr, zudem sind da natürlich die Berge und der Mt. Elbrus, welche eine besondere Anziehung auf mich ausüben.
Mit der Küste lasse ich das neue Russland hinter mir. Hier scheint die Zeit kurz nach dem Umbruch stehen geblieben zu sein, alte Strukturen rosten und zerfallen vor sich hin, es scheint, als befände sich die ganze Gegend in einem Dornröschenschlaf. Die Leute sind längst zu Einzelkämpfern geworden – kämpfen für die nachte Existenz. Vorallem die Alten, deren Rente sich mit der Sowjetunion aufgelöst hat, haben ein hartes Los. In den Dörfchen sitzen sie am Strassenrand und verkaufen einen Eimer voll Aepfel, eine Harasse mit Tomaten, ein paar Gläser eingemachte Pilze und was ihr Garten oder der Wald sonst noch hergeben.
Diese Menschen strahlen Schweremut aus, es scheint als wäre ihnen ungerechterweise eine Last aufgebürdet worden, mit der sie sich nun druchs Leben schleppen müssen. Sehnsüchtig beneiden sie den Reisenden, welcher scheinbar ohne Probleme vorbeizieht, in Afrika hatte ich nur selten dieses Gefühl. Die Leute dort sind zum Teil auch mausarm und das Land ringsum längst nicht so fruchtbar wie hier, dennoch schienen sie unbedrückt zu sein. Vielleicht ist das ja gerade der Unterschied; in Afrika ist zuvieles Ungewiss um sich darüber Sorgen zu machen und hier ist zuwenig Gewiss um sich darüber keine Sorgen zu machen (versteht ihr was ich meine?). It's the point of view... Ein Schiffsbrüchiger, welcher sich im Strum an die zerborstene Planke seiner untergegangen Jacht klammert, macht sich keine Sorgen, ob die Versicherung den Schaden decken wird.
Nebst diesem Schweremut finde ich das ländliche Russland sehr romantisch. Viele kleine Holz- oder Steinhäuschen mit farbigen Fenster- und Türrahmen; sie versinken fast im urwaldmässig wilden Gärtchen, welches durch einen Zaun in Grenzen gehalten werden muss. In der Einfahrt steht hier und dort ein altmodischer Lada (etwas wie ein Trabi) oder ein verrosteter Traktor rum. Die Häuser einer Ortschaft sind überirdisch an ein Röhrensystem für die Gasversorgung angeschlossen. Dieses zieht sich in verschiedenen Farben - jeweils im Teint des dahinterliegenden Hauses – entlang der Strasse, windet sich über Einfahrten, um Ecken und unter Bäumen durch, der Durchmesser variiert dabei mit der Anzahl der angeschlossenen Wohnungen. Es gibt viele Verzweigungen - zum Teil ein richtiger Röhrensalat. Für Kilometer folgen sie der Strasse und machen dabei bei, jeder realen oder zukünftig möglichen Abzweigung oder Einfahrt, eine Windung; die Sache erinnert mich an diesen Bildschirmschoner von Windows.
Grössere Ortschaften und Städte werden nicht mit einem Ortsschild, sondern mit einer riesigen Plastik angekündigt und oft ist dabei die Abkürzung CCCP, ein roter Stern oder das Anlitz Lenins zu sehen. Das gilt auch für die Paradeplätze in den Städten, welche von einer bronzenen Statue Lenins überschaut werden. Kriegsdenkmäler finden sich in jeder Ortschaft, sie strahlen anders als zum Beispiel in Frankreich Stolz und Stärke aus. Der zweite Weltkrieg in Russland wurde gewonnen und ist somit ein Triumpf. Viele Städte hier sind weitläufig, geometrisch langweilig, graue Plattenbauten unterbrechen den Horizont und anstelle eines gemütlichen Zentrums stehen massige Verwaltungsgebäude, welche mehr Angst einflössen, als dass sie Freude bereiten – psychische Vorbereitung auf die russische Bürokratie im Innern.
Es zeigt sich in verschiedener Hinsicht, dass die Russen eher Praktiker sind als Aestheten. Autos und Häuser werden irgendwie zusammengeflickt, mit alten Autoreifen wird ein Steilhang befestigt, ein ausgedienter Tankwagenaufbau dient als Wasserreservoir im Schrebergarten, ein Vergaser wird als Wasserhahnen verwendet, unkompliziert, Hauptsache dem Zweck dienend - Meister der Improvisation. Ab und zu sehe ich ein paar Russen, welche den Lada am Strassenrand parkiert haben, auf dem Kofferraum befinden sich eine Flasche Wodka und ein paar Gläser (und noch weitere, weniger wichtige Zutaten für ein Piknik), eine Stehbar sozusagen. Ich muss jedesmal grinsen, wenn ich an Schweizer Polizisten denke, welche eine solche Szene zu sehen bekommen.
“Naturliebhaber” fahren mit dem Lada ein paar Meter von der Strasse runter, auch wenn es sich dabei um eine 4WD-Piste oder einen Bach handelt – ein Lada kommt überall durch – und veranstalten dann ein Piknik. Zieht die Gruppe wieder ab, hinterlassen sie im Normalfall einen Berg Abfall und so sieht es entlang russischer Strassen nicht gerade appetitlich aus. Der Russe unterscheidet halt Natur und Zivilisation. Als ich in einer Stadt eine Orangenschale auf die Strasse werfe meint jemand: “don't do that, it's civilisation here!”. Meinen ökologischen Erklärungsversuch schlucke ich wieder runter und schmeisse die Schale in den Eimer. Mit Bier- und Wodkaflaschen sieht das übrigens anders aus. Diese darf man auch in der Zivilisation einfach irgendwo hinstellen, eine der vielen babuschkas (Grossmütter) wird sie finden und bekommt dann für das Altglas ein paar Rubel.

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17. September 2004 - og