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Sochi werde ich so schnell nicht los. Man sagt mir, nach Los Angeles
ist es die zweitlängste Stadt der Welt, sie erstrecke sich für
rund 140km der Schwarzmeerküste entlang. Es sind dann aber eher
lose Aglomerationen und so gesehen, wäre die Schweiz wohl die grösste
Stadt der Welt. Der starke Verkehr raubt mir schon bald den Nerv. Am
nächsten Tag sitze ich Bummler und geniesse die Ausblicke aufs
Meer. Hier sind die Züge noch nach alter Manier gebaut; hohe Wagons,
welche man über ein paar mächtige Stufen erreichen kann und
innen ganz einfach; robuste Holzbänke mit Kunstlederbezug, die
kleinen Tischchen an der Seite und die Türen, welche bei jeder
Kurve aufgehen, Zugnostalgie halt. Mein Plan ist es, nach Südosten
zu radeln, was anfänglich ganz schön hart hat, wollte ich
doch eigentlich nur noch nach Westen fahren. Doch der Kaukasus, Schmelztigel
verschiedener Ethnien und Schnittstelle zwischen Europa und Asien, reizt
mich doch sehr, zudem sind da natürlich die Berge und der Mt. Elbrus,
welche eine besondere Anziehung auf mich ausüben.
Mit der Küste lasse ich das neue Russland hinter mir. Hier scheint
die Zeit kurz nach dem Umbruch stehen geblieben zu sein, alte Strukturen
rosten und zerfallen vor sich hin, es scheint, als befände sich
die ganze Gegend in einem Dornröschenschlaf. Die Leute sind längst
zu Einzelkämpfern geworden – kämpfen für die nachte
Existenz. Vorallem die Alten, deren Rente sich mit der Sowjetunion aufgelöst
hat, haben ein hartes Los. In den Dörfchen sitzen sie am Strassenrand
und verkaufen einen Eimer voll Aepfel, eine Harasse mit Tomaten, ein
paar Gläser eingemachte Pilze und was ihr Garten oder der Wald
sonst noch hergeben.
Diese Menschen strahlen Schweremut aus, es scheint als wäre ihnen
ungerechterweise eine Last aufgebürdet worden, mit der sie sich
nun druchs Leben schleppen müssen. Sehnsüchtig beneiden sie
den Reisenden, welcher scheinbar ohne Probleme vorbeizieht, in Afrika
hatte ich nur selten dieses Gefühl. Die Leute dort sind zum Teil
auch mausarm und das Land ringsum längst nicht so fruchtbar wie
hier, dennoch schienen sie unbedrückt zu sein. Vielleicht ist das
ja gerade der Unterschied; in Afrika ist zuvieles Ungewiss um sich darüber
Sorgen zu machen und hier ist zuwenig Gewiss um sich darüber keine
Sorgen zu machen (versteht ihr was ich meine?). It's the point of view...
Ein Schiffsbrüchiger, welcher sich im Strum an die zerborstene
Planke seiner untergegangen Jacht klammert, macht sich keine Sorgen,
ob die Versicherung den Schaden decken wird.
Nebst diesem Schweremut finde ich das ländliche Russland sehr romantisch.
Viele kleine Holz- oder Steinhäuschen mit farbigen Fenster- und
Türrahmen; sie versinken fast im urwaldmässig wilden Gärtchen,
welches durch einen Zaun in Grenzen gehalten werden muss. In der Einfahrt
steht hier und dort ein altmodischer Lada (etwas wie ein Trabi) oder
ein verrosteter Traktor rum. Die Häuser einer Ortschaft sind überirdisch
an ein Röhrensystem für die Gasversorgung angeschlossen. Dieses
zieht sich in verschiedenen Farben - jeweils im Teint des dahinterliegenden
Hauses – entlang der Strasse, windet sich über Einfahrten,
um Ecken und unter Bäumen durch, der Durchmesser variiert dabei
mit der Anzahl der angeschlossenen Wohnungen. Es gibt viele Verzweigungen
- zum Teil ein richtiger Röhrensalat. Für Kilometer folgen
sie der Strasse und machen dabei bei, jeder realen oder zukünftig
möglichen Abzweigung oder Einfahrt, eine Windung; die Sache erinnert
mich an diesen Bildschirmschoner von Windows.
Grössere Ortschaften und Städte werden nicht mit einem Ortsschild,
sondern mit einer riesigen Plastik angekündigt und oft ist dabei
die Abkürzung CCCP, ein roter Stern oder das Anlitz Lenins zu sehen.
Das gilt auch für die Paradeplätze in den Städten, welche
von einer bronzenen Statue Lenins überschaut werden. Kriegsdenkmäler
finden sich in jeder Ortschaft, sie strahlen anders als zum Beispiel
in Frankreich Stolz und Stärke aus. Der zweite Weltkrieg in Russland
wurde gewonnen und ist somit ein Triumpf. Viele Städte hier sind
weitläufig, geometrisch langweilig, graue Plattenbauten unterbrechen
den Horizont und anstelle eines gemütlichen Zentrums stehen massige
Verwaltungsgebäude, welche mehr Angst einflössen, als dass
sie Freude bereiten – psychische Vorbereitung auf die russische
Bürokratie im Innern.
Es zeigt sich in verschiedener Hinsicht, dass die Russen eher Praktiker
sind als Aestheten. Autos und Häuser werden irgendwie zusammengeflickt,
mit alten Autoreifen wird ein Steilhang befestigt, ein ausgedienter
Tankwagenaufbau dient als Wasserreservoir im Schrebergarten, ein Vergaser
wird als Wasserhahnen verwendet, unkompliziert, Hauptsache dem Zweck
dienend - Meister der Improvisation. Ab und zu sehe ich ein paar Russen,
welche den Lada am Strassenrand parkiert haben, auf dem Kofferraum befinden
sich eine Flasche Wodka und ein paar Gläser (und noch weitere,
weniger wichtige Zutaten für ein Piknik), eine Stehbar sozusagen.
Ich muss jedesmal grinsen, wenn ich an Schweizer Polizisten denke, welche
eine solche Szene zu sehen bekommen.
“Naturliebhaber” fahren mit dem Lada ein paar Meter von
der Strasse runter, auch wenn es sich dabei um eine 4WD-Piste oder einen
Bach handelt – ein Lada kommt überall durch – und veranstalten
dann ein Piknik. Zieht die Gruppe wieder ab, hinterlassen sie im Normalfall
einen Berg Abfall und so sieht es entlang russischer Strassen nicht
gerade appetitlich aus. Der Russe unterscheidet halt Natur und Zivilisation.
Als ich in einer Stadt eine Orangenschale auf die Strasse werfe meint
jemand: “don't do that, it's civilisation here!”. Meinen
ökologischen Erklärungsversuch schlucke ich wieder runter
und schmeisse die Schale in den Eimer. Mit Bier- und Wodkaflaschen sieht
das übrigens anders aus. Diese darf man auch in der Zivilisation
einfach irgendwo hinstellen, eine der vielen babuschkas (Grossmütter)
wird sie finden und bekommt dann für das Altglas ein paar Rubel.
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