Kalte Zehen
(Nalchik – Rostov, Russland im August 2004)

Stefan Schilli


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Auf dem Weg in die Teilrepublik Kabardinia-Balkarskaia, wo sich die mächtigsten Berge des Kaukasus befinden, durchquere ich verschiedene andere Republiken, jede mit eigener Sprache und Gepflogenheiten. Nicht dass mir das besonders aufgefallen wäre, beim Passieren der Grenze gibt es nur einen, der auch sonst üblichen Checkpoints, doch fragt man jemand nach seiner Nationalität, hört man nicht selten den Namen der jeweiligen Republik und nicht “Russland”.
Ich bin einmal mehr mit schlechter Karte unterwegs und die gewählte Nebenstrasse entpuppt sich als eine Passtrasse durch das Vorgebirge des Kaukasus. Auf den steilen Weiden wird emsig Gras geschnitten, das Wetter hier ist nicht sehr beständig, die letzten fünf Tage waren regnerisch, doch heute ist kein einziges Wölklein zu sehen und so macht das Biken gerade doppelten Spass. Auf einem hohen Pass sehe ich nicht allzuweit entfernt die mächtige Eiskuppe des Elbrus, sie überragt die anderen Berge bei weitem. Ich will da rauf, muss aber gleichzeitig einsehen, dass mit meinen halbhohen Turnschuhen nicht viel auszurichten ist. Voller Erwartung und mit einigem Bedenken radle ich zuerst in die Hauptstadt Nalchik, wo ich ein Militärpermit einholen muss. Die Soldaten in der Kaserne haben daraus ein kleines “Business” aufgezogen und so drücke ich für den Wisch 10$ ab. Danach geht es nochmals per Fahrrad ein prächtiges Bergtal hoch, unterwegs gilt es einen Stempel zu kriegen und am nächsten Tag bin ich in Terskol, der letzten Ortschaft. Ich miete grobes Schuhwerk, Steigeisen und Handschuhe und kaufe einen warmen Pulli, bei der Bergrettung gibt es ein weiteres Permit und dann kann es endlich losgehen.
Der Weg bis zum Barrels-Camp ist nicht sonderbar und das Lager eher ein Schrottplatz – typisch russisch, keine nette Alphütte, sondern wie der Name andeuted, grosse umgekippte Fässer oder Röhren, welche als Unterkunft für sechs Personen hergerichtet wurden. Wenigstens ist eine Gemeinschaftskabine mit Küche und Aufenthaltsraum vorhanden. Am Abend sitze ich lange mit einer Studentengruppe aus Nalchik zusammen und es kommt doch noch eine lustige Hüttenstimmung auf. Am nächsten Tag quartiere ich mich im Priyut Eleven-Camp ein, welches auf über 4000m.ü.M. liegt und wo keine Heizung und auch kein elektrisches Licht mehr vorhanden sind. Ein Aklimatisationsspaziergang führt mich zu den Pastuhova-Rocks auf fast 5000m.ü.M. Die Besteigung des Elbrus kann von der technischen Schwierigkeit her gesehen als einziger Spaziergang bezeichnet werden. Doch das wechselhafte Wetter kann an diesem exponierten Berg zu einer echten Gefahr werden. Und so stehe ich zweimal vergebens um 3 Uhr in der Früh auf, um festzustellen, dass es entweder schneit oder stürmt.
Ich treffe Cédric, einen jungen Franzosen, und zusammen schlagen wir die Zeit tot. Wir durchstöbern das Camp nach übrig gelassenen Esswaren und unternehmen weitere Spaziergänge oder geniessen, falls das Wetter es zulässt, die Aussicht auf die eisige Bergwelt des Kaukasus. Viele Bergsteiger machen sich konsterniert an den Abstieg, das Wetter ist nun seit fünf Tagen schlecht und vielen läuft die Zeit oder die Motivation davon. Doch wir haben Glück und am nächsten Morgen, noch bei völliger Dunkelheit, brechen wir uns zusammen mit Karina, einer hübschen MountainguideIn, auf. Es ist arschkalt und schon bald verabschiedet sich das Gefühl aus meinen Zehen. Mit fortschreitendem Aufstieg legt sich die Anspannung, ich geniesse die aufgehende Sonne, die weissen Flanken beginnen zu leuchten und der eisige Wind verliert an Kraft. Das Wetter könnte nicht besser sein und nach rund 9 Stunden stehen wir auf dem Gipfel des Elbrus (5640m.ü.M.) und umarmen uns. Ein tolles Gefühl, ein langgehegter Gedanke erfüllt sich. Es ist zu kalt um lange zu verweilen und nach ein paar Fötelis machen wir uns an den Abstieg. Etliche Stunden später sitzen Cédric und ich, mittlerweilen als Studenten der Moskau Universität getarnt, zusammen mit ein paar echten Nalchick-Studi Girls, in einem Studentenheim im Tal und geniessen eine frisch gekochte Mahlzeit – die unzähligen Nudelsuppen der vergangenen Tage stehen mir bis oben.
Cédric beschliesst, mit mir nach Rostov zu fahren. So wird die lange Zugreise mit etlichem Bier und einigen Geschichten etwas kurzweiliger. In Rostov pennen wir zweimal am Bahnhof, trinken mehr Bier und ich beantrage ein ukrainisches Visum, was fünf Tage dauern wird. Wir beschliessen mit dem Nachtzug runter zur Küste zu fahren, um ein paar erholsame Strandtage zu verbringen. Das Wetter ist gut und die Strände hoffnungslos überfüllt. Die Spitzen meiner Zehen sind immer noch taub und auch ein langer Spaziergang, barfuss durch den Sand, hilft nichts. Eines Abends finden wir heraus, dass sich das Wasser des Schwarzen Meeres vorzüglich zum Kochen von Kartoffeln eignet, dass russische Moskitomittel für nichts zu gebrauchen sind und dass russischer Cognac bei mir als Schlafmittel sehr gut, als Moskitomittel hingegen eher schlecht wirkt. Eine weitere, positive Eigenschaft des Cognac ist es, dass am nächsten Morgen, alle meine Zehen wieder voller Leben sind. Ist das nicht herrlich?

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17. September 2004 - og