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Auf dem Weg in die Teilrepublik Kabardinia-Balkarskaia,
wo sich die mächtigsten Berge des Kaukasus befinden, durchquere
ich verschiedene andere Republiken, jede mit eigener Sprache und Gepflogenheiten.
Nicht dass mir das besonders aufgefallen wäre, beim Passieren der
Grenze gibt es nur einen, der auch sonst üblichen Checkpoints,
doch fragt man jemand nach seiner Nationalität, hört man nicht
selten den Namen der jeweiligen Republik und nicht “Russland”.
Ich bin einmal mehr mit schlechter Karte unterwegs und die gewählte
Nebenstrasse entpuppt sich als eine Passtrasse durch das Vorgebirge
des Kaukasus. Auf den steilen Weiden wird emsig Gras geschnitten, das
Wetter hier ist nicht sehr beständig, die letzten fünf Tage
waren regnerisch, doch heute ist kein einziges Wölklein zu sehen
und so macht das Biken gerade doppelten Spass. Auf einem hohen Pass
sehe ich nicht allzuweit entfernt die mächtige Eiskuppe des Elbrus,
sie überragt die anderen Berge bei weitem. Ich will da rauf, muss
aber gleichzeitig einsehen, dass mit meinen halbhohen Turnschuhen nicht
viel auszurichten ist. Voller Erwartung und mit einigem Bedenken radle
ich zuerst in die Hauptstadt Nalchik, wo ich ein Militärpermit
einholen muss. Die Soldaten in der Kaserne haben daraus ein kleines
“Business” aufgezogen und so drücke ich für den
Wisch 10$ ab. Danach geht es nochmals per Fahrrad ein prächtiges
Bergtal hoch, unterwegs gilt es einen Stempel zu kriegen und am nächsten
Tag bin ich in Terskol, der letzten Ortschaft. Ich miete grobes Schuhwerk,
Steigeisen und Handschuhe und kaufe einen warmen Pulli, bei der Bergrettung
gibt es ein weiteres Permit und dann kann es endlich losgehen.
Der Weg bis zum Barrels-Camp ist nicht sonderbar und das Lager eher
ein Schrottplatz – typisch russisch, keine nette Alphütte,
sondern wie der Name andeuted, grosse umgekippte Fässer oder Röhren,
welche als Unterkunft für sechs Personen hergerichtet wurden. Wenigstens
ist eine Gemeinschaftskabine mit Küche und Aufenthaltsraum vorhanden.
Am Abend sitze ich lange mit einer Studentengruppe aus Nalchik zusammen
und es kommt doch noch eine lustige Hüttenstimmung auf. Am nächsten
Tag quartiere ich mich im Priyut Eleven-Camp ein, welches auf über
4000m.ü.M. liegt und wo keine Heizung und auch kein elektrisches
Licht mehr vorhanden sind. Ein Aklimatisationsspaziergang führt
mich zu den Pastuhova-Rocks auf fast 5000m.ü.M. Die Besteigung
des Elbrus kann von der technischen Schwierigkeit her gesehen als einziger
Spaziergang bezeichnet werden. Doch das wechselhafte Wetter kann an
diesem exponierten Berg zu einer echten Gefahr werden. Und so stehe
ich zweimal vergebens um 3 Uhr in der Früh auf, um festzustellen,
dass es entweder schneit oder stürmt.
Ich treffe Cédric, einen jungen Franzosen, und zusammen schlagen
wir die Zeit tot. Wir durchstöbern das Camp nach übrig gelassenen
Esswaren und unternehmen weitere Spaziergänge oder geniessen, falls
das Wetter es zulässt, die Aussicht auf die eisige Bergwelt des
Kaukasus. Viele Bergsteiger machen sich konsterniert an den Abstieg,
das Wetter ist nun seit fünf Tagen schlecht und vielen läuft
die Zeit oder die Motivation davon. Doch wir haben Glück und am
nächsten Morgen, noch bei völliger Dunkelheit, brechen wir
uns zusammen mit Karina, einer hübschen MountainguideIn, auf. Es
ist arschkalt und schon bald verabschiedet sich das Gefühl aus
meinen Zehen. Mit fortschreitendem Aufstieg legt sich die Anspannung,
ich geniesse die aufgehende Sonne, die weissen Flanken beginnen zu leuchten
und der eisige Wind verliert an Kraft. Das Wetter könnte nicht
besser sein und nach rund 9 Stunden stehen wir auf dem Gipfel des Elbrus
(5640m.ü.M.) und umarmen uns. Ein tolles Gefühl, ein langgehegter
Gedanke erfüllt sich. Es ist zu kalt um lange zu verweilen und
nach ein paar Fötelis machen wir uns an den Abstieg. Etliche Stunden
später sitzen Cédric und ich, mittlerweilen als Studenten
der Moskau Universität getarnt, zusammen mit ein paar echten Nalchick-Studi
Girls, in einem Studentenheim im Tal und geniessen eine frisch gekochte
Mahlzeit – die unzähligen Nudelsuppen der vergangenen Tage
stehen mir bis oben.
Cédric beschliesst, mit mir nach Rostov zu fahren. So wird die
lange Zugreise mit etlichem Bier und einigen Geschichten etwas kurzweiliger.
In Rostov pennen wir zweimal am Bahnhof, trinken mehr Bier und ich beantrage
ein ukrainisches Visum, was fünf Tage dauern wird. Wir beschliessen
mit dem Nachtzug runter zur Küste zu fahren, um ein paar erholsame
Strandtage zu verbringen. Das Wetter ist gut und die Strände hoffnungslos
überfüllt. Die Spitzen meiner Zehen sind immer noch taub und
auch ein langer Spaziergang, barfuss durch den Sand, hilft nichts. Eines
Abends finden wir heraus, dass sich das Wasser des Schwarzen Meeres
vorzüglich zum Kochen von Kartoffeln eignet, dass russische Moskitomittel
für nichts zu gebrauchen sind und dass russischer Cognac bei mir
als Schlafmittel sehr gut, als Moskitomittel hingegen eher schlecht
wirkt. Eine weitere, positive Eigenschaft des Cognac ist es, dass am
nächsten Morgen, alle meine Zehen wieder voller Leben sind. Ist
das nicht herrlich?
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